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Gülbin Ünlü, Ansicht „dÜstopia“ Artothek München, 2021
Ausstellungsansicht Gülbin Ünlü – really?, Foto: KMA
Ausstellungsansicht Gülbin Ünlü – really?, Foto: KMA

really? Gülbin ÜnlüPreisträgerin des Zeitsicht Art Award 2024

26.07.-02.11.2025 im Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast | H1

Die Münchner Künstlerin Gülbin Ünlü ist Preisträgerin des Augsburger »Zeitsicht Art Award 2024«. Dieser wird ihr zur Eröffnung ihrer Einzelausstellung "really?" im Zentrum für Gegenwartskunst verliehen. Sie zeigt dort Werke aus ihrer aktuellen Produktion, von denen einige neu und eigens für die Ausstellung entstanden sind. Ünlüs künstlerische Praxis verweigert sich Repräsentationslosigkeiten ebenso wie ästhetischer Selbstvergewisserung. Ihre Arbeiten entstehen zwischen Medien - Malerei, Fotografie, Video, Sound, digitalem Print, Sprache, Raum. So realisiert sie Bildkörper, die sich aus Fragmenten zusammensetzen und aus Abbrüchen, Wiederholungen, Oberflächenverschiebungen, sogenannten Mash-Ups generieren. Oft liegt darin ein Moment der Störung - visuell und strukturell - aber nie als bloßer Effekt.

Auch der Ausstellungstitel “really?” funktioniert weniger als Thema, denn als semantischer Störimpuls: ein einziges Wort, dessen Bedeutung je nach Tonfall kippt – zustimmend, sarkastisch, erschöpft oder wütend. Diese Mehrdeutigkeit ist zentral für Ünlüs künstlerisches Denken, das Kontextverschiebungen und Bedeutungsüberschüsse untersucht. Ihre Arbeiten wirken situativ, nie laut, bisweilen politisch, ohne jedoch programmatisch zu sein. Was dekorativ erscheint, kann Spur oder Bruch sein. Konzepte wie Herkunft, Normalität oder Repräsentation treten nicht als Motive auf, sondern als strukturelle Kräfte – sichtbar etwa in Faltungen, Symmetrien oder Leerstellen. really? wird so zum Interferenzpunkt zwischen Werk und Kontext – offen für Ambivalenz, Ironie, Misstrauen und ein kurzes Lächeln des Zweifels.

GÜLBIN ÜNLÜ
studierte Malerei, Zeichnung, Bildhauerei und Performance an der Akademie der Bildenden Künste München. 2024 leitete sie dort interimistisch die Klasse für Malerei und Grafik – ehem. unter der Professur von Markus Oehlen. Für ihr vielschichtiges Schaffen wurde die türkisch-deutsche Künstlerin 2022 mit dem Förderpreis der Landeshauptstadt München und 2023 mit dem Stipendium der Stiftung Kunstfonds sowie mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden unter anderem 2020 in der Münchner Pinakothek der Moderne, 2022 in der Berlinischen Galerie sowie 2025 in der Villa Stuck und dem Haus der Kunst in München gezeigt.

Herzliche Einladung zur Eröffnung mit Preisverleihung am Freitag, 25. Juli 2025, um 18 Uhr im Zentrum für Gegenwartskunst.

WERKPROZESS

Alle Wege führen nach Home, 2025, Tinte, Öl auf Stoffen, 760 x 1.200 cm

Die raumgreifende Installation Alle Wege führen nach Home ist das größte Werk der Ausstellung "really?" und wurde von Gülbin Ünlü eigens für die Halle 1, das sog. „H1“, im Zentrum für Gegenwartskunst konzipiert. Es handelt sich zugleich um das umfangreichste textile Konvolut, das Ünlü bislang geschaffen hat.

Zu sehen ist Ünlüs Archivmaterial, das private und öffentliche Arbeiten vereint. In einem aufwendigen Arbeitsprozess wurde Ünlüs Malerei auf Leinwandstoff mit verschiedenen anderen Textilien – von schimmerndem, transparentem Chiffon bis hin zu blickdichtem Nessel – von zwei Schneiderinnen in meterlangen Bahnen miteinander verbunden. Diaphane Stoffe ermöglichen in Interaktion mit den Besuchenden flüchtige Bewegungen, die den Raum sowohl horizontal als auch vertikal in seinem ganzen Volumen erschließen. Befestigt an mehreren Punkten, schwebt das über sieben mal zwölf Meter große Werk in der Halle und verschmilzt vollständig mit dem Raum; einer der Pfeiler, die die architektonische Struktur der Halle entscheidend prägen, wurde sogar als integraler Bestandteil der Installation von der Künstlerin eingenäht. So entsteht ein scheinbar fragiles Gefüge, das schwebend, doch zugleich fest mit seiner Umgebung verbunden ist. Die Form erinnert dabei an ein Segel oder den Rumpf eines Schiffes, das scheinbar schwerelos durch den Raum gleitet. In ihrer räumlichen Ausdehnung entsteht der Eindruck einer Welle, die im Moment des Fließens gestoppt wurde und nun als skulpturale Geste im Raum verharrt.

Der Umsetzung ging eine umfassende Planung voraus, in der Ünlü u.a. viele Arbeiten auswählte, die bereits 2021 als begehbare Bodeninstallation Ohne Titel  im Kunstpavillon München zu sehen waren und dort einen Bezug zur Geschichte des historischen Gebäudes aus der NS-Zeit herstellten. In neuer Anordnung einiger der Fragmente dieser Arbeit sowie weiterer Versatzstücke aus Ünlüs ‘Erinnerungsarchiv‘ entstehen vielfältige Querverbindungen zwischen den Bildern unterschiedlicher Zeiten und Kontexte, die eingebettet werden in ihre historische Räumlichkeit. Die Halle 1, als ehemalige Baumwollspinnerei und Weberei, wurde damit als Ort der Textilarbeit neu belebt und gewürdigt – mit einem Werk, in dem Zeitlichkeit ebenso bedeutend ist wie die unmittelbare Präsenz. (Klara Reidel, M.A., wiss. Assistenz und Co-Kuratorin der Ausstellung)

ZEITSICHT ART AWARD

Der „Zeitsicht Art Award“ wurde vor über 20 Jahren als private Initiative des Augsburger Beratungsunternehmens hauserconsulting von Eberhard Hauser und Martin Hagen ins Leben gerufen. Bisher war die Nominierung meist einer prominenten Person aus dem internationalen Kunstbetrieb angetragen. Bedeutende Künstler:innen wie Marina Abramovic, Arnulf Rainer, Rebecca Horn, Neo Rauch oder Katharina Sieverding haben sich seitdem persönlich für den Award engagiert.

2024 erfolgte eine Neuorientierung: Der „Zeitsicht Art Award“ wechselte in städtische Verantwortung. Durch eine Vereinbarung zwischen Eberhard Hauser, dem langjährigen Kooperationspartner der Kunstsammlungen & Museen Augsburg, ist der Wettbewerb nun in städtische Hände übertragen. Neu ist nicht nur die städtische Trägerschaft, sondern auch das Verfahren: Erstmals entschied im September 2024 eine Fachjury über die Vergabe des Preises.

Zusätzlich zur Auslobung eines Preisgeldes in Höhe von 7.000 EURO werden die Preisträger:innen dazu eingeladen, ihre künstlerische Arbeit im Rahmen einer Einzelausstellung in Augsburg zu präsentieren. Auch die Durchführung der Ausstellung wird als Teil des „Zeitsicht Art Award“ großzügig von hauserconsulting gefördert.

Neben dem „Augsburger Friedenspreis“ (Politik) und dem „Bertolt-Brecht-Preis“ (Literatur) erhält die Stadt Augsburg mit dem „Zeitsicht Art Award“ im Bereich zeitgenössische bildende Kunst einen dritten überregional wirkenden Preis.

Weitere Informationen zum Zeitsicht Art Award