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Am 13. Dezember 2020 jährte sich der Geburtstag von Johann Heinrich Schüle zum 300. Mal. Anlass für eine kleine Präsentation über den bedeutendsten Kattunfabrikanten des 18. Jahrhunderts im Grafischen Kabinett.

Der einfallsreiche Augsburger Unternehmer, gut vernetzt in ganz Europa, machte den bedruckten Baumwollstoff zum größten textilen Massenartikel der damaligen Welt. In seiner besten Zeit beschäftigte er in der Stadt 3.500 Menschen, fast 10 Prozent der damaligen Bevölkerung. Diesen Weg spannender Augsburger Wirtschaftsgeschichte, mit durchaus modernen Zügen, zeichnet die Ausstellung mit ausgewählten Kupferstichen und Dokumenten aus dem Bestand der Grafischen Sammlung nach.

Sophonias de Derichs, Porträt des Johann Heinrich Schüle, Öl auf Leinwand, 1772 © Kunstsammlungen & Museen Augsburg

Aufgrund seiner merkantilistischen Erfolge zeichnete Kaiser Joseph II. Johann Heinrich Schüle 1772 mit dem erblichen Adelstitel des Edler von Schüle aus. Die Produkte Schüles waren in ganz Europa verbreitet und in seiner Biografie steht, dass selbst Kaiserin Maria Theresia Schüles Stoffe bekannt gewesen wären. Das Porträt zeigt Schüle im Alter von etwa 52 Jahren. Er ist prunkvoll gekleidet und trägt als Adeliger die standesgemäße rote Oberbekleidung.

Kaufmännische Lehre

Schüle wird in Künzelsau in Württemberg als 5. Sohn eines Nagelschmieds geboren. Schon früh zeigt er eine natürliche Begabung zum Zeichnen und Malen. Blumen und kleine Sträuße gehören zu seinen Motiven. Auch die Tätigkeit und der Arbeitsprozess der Textilfärber interessieren ihn sehr. 

Mit großem Fleiß und einer natürlichen kaufmännischen Begabung hilft er seinem Vater schon früh in der Nagelschmiede und auf Messen. Er beginnt mit 11 Jahren eine kaufmännische Ausbildung in einer Kurzwarenhandlung in Straßburg. Danach ist er in ähnlicher Tätigkeit als Kaufmann in Kaufbeuren tätig und kommt im Oktober 1745 nach Augsburg. 

Einheirat in Textilhandel

In Augsburg heiratet er 1748 in eine Textilhändler "Kurzwaren" Familie ein. Er erhält als Mitgift ein Haus am Perlachberg und übernimmt die von den Schwiegereltern geführte Textilhandlung. Zunächst im Einzelhandel auf Leinwand- und Baumwollstoffe spezialisiert, gelingt ihm durch Qualitätsverbesserungen des Kattuns und der Veredelung des Stoffes durch Bedrucken und Bemalen eine enorme Steigerung des Absatzes. 

Durch Kontakte über ganz Europa, nach Breslau, Wien und Holland, sowie mit finanzieller Förderung durch die Bank der Augsburger Familie Obwexer, steigert sich sein Gewinn. So kann er sich am alten Heumarkt (heute: Philippine-Welser-Str. 9, 1944 zerstört) ein Haus kaufen und 1753 vollständig neu errichten.

Joseph Ignaz Hörmann, Die Schüle'sche Kattunfabrik von der Hofseite
Umrissradierung, koloriert, um 1810 © Kunstsammlungen & Museen Augsburg

Das Gelände vor dem Roten Tor, außerhalb der Stadtmauern, besaß Schüle schon seit 1758. Ab 1760 errichtete er dort erste Fabrikationsräume, die für den Bau der schlossähnlichen Manufakturanlage durch Johann Christian Mayer 1770 bis 1772 abgerissen wurden.

Das vom Schlossermeister Endreß geschaffene frühklassizistische Hofgitter (um 1775) befindet sich seit 1976 auf dem Fronhof. Die Portalbekrönung mit dem Wappen Schüles ist allerdings seit 2010 im Textil- und Industriemuseum (tim) ausgestellt. 

Arbeitskräfte aus dem Zuchthaus

Um günstige Arbeitskräfte zu gewinnen, holt der Unternehmer "Weibspersonen" aus Pappenheim und schließt einen Vertrag mit dem Augsburger Zucht- und Arbeitshaus. Diese Arbeitskräfte lässt er die Stoffbahnen verzieren. Aus Kosten- und Qualitätsgründen transportiert er die Stoffbahnen zunächst nach Hamburg, lässt sie dort bedrucken und dann in Augsburg ausmalen.

Johann Georg Ringlin, Das Augsburger Zucht- und Arbeitshaus, Kupferstich, um 1760 © Kunstsammlungen & Museen Augsburg

Das Augsburger Zucht- und Arbeitshaus entstand 1755 nach einer Bürgerpetition als Maßnahme gegen die Straßenbettelei in der Jakobervorstadt. Der Stich zeigt die Einrichtung  aus der Vogelperspektive. Das Gebäude lag im Bereich des ehemaligen Hauptkrankenhauses, wurde 1805 Militärspital und 1811 Lokalkrankenhaus. 

Die nach Konfession getrennten Insassen wurden für verschiedene Arbeiten eingesetzt. Dies nutzte Johann Heinrich Schüle, der im Frühjahr 1758 auf der Suche nach günstigen Arbeitskräften mit den Direktoren des Zucht- und Arbeitshauses einen Vertrag abschloss.

Für das Stellen von Arbeitskräften, welche die Kattune bedruckten und bemalten, zahlte er 1.800 Gulden Malerlohn. Gleichzeitig erwarb er als Protestant eine katholische Kattundruckereigerechtigkeit, gegen die die Weberzunft nicht protestierte.

Mit Blumenprints erfolgreich

Die Blumenprints auf den Stoffen der Schüle'schen Kattunfabrik wurden mit Modeln aufgedruckt und dann auf dem Stoff farbig ausgemalt.

Unerlaubter Import ostindischer Kattune

Da ihm Qualität und Menge der Stoffe der Augsburger Weber für die Produktion zu wenig ausgeprägt scheinen, beginnt Schüle unerlaubt ostindische Kattune aus Amsterdam zu importieren und zu bedrucken. Die schon vorher protestierende Weberzunft, beklagt sich schließlich beim Augsburger Rat, Schüle würde unerlaubt Ware einführen und somit das Augsburger Handwerk zu Grunde richten. 

Der Rat lässt daraufhin am 15. Juli 1765 Haussuchungen vornehmen, die aufgefundenen ostindischen Kattune und andere Waren beschlagnahmen und Schüle verhaften. Weil er 5.330 ostindische Kattunbahnen nicht dem Weberschauamt vorgelegt hat, wird er zu einer Geldstrafe von 10.660 Gulden verurteilt. 

M. G. Eichler, Bildnis des Johann Heinrich Edler von Schüle, Kupferstich um 1804 © Kunstsammlungen & Museen Augsburg

Das runde Brustbild mit Wappen nach der Vorlage von Johann Lorenz Rugendas diente zur Illustration der Schüle-Biographie von Franz Eugen von Seida und Landensberg. Es zeigt Schüle im Alter von etwa 85 Jahren. Das Geburtsdatum ist allerding falsch angegeben. Schüle wurde am 13. Dezember geboren. Bedeutsam ist auch sein Titel als kaiserlicher Rat. 

Konkurs

Im Streit mit Weber-Zunft und Stadt bestraft, verlässt Schüle 1766 Augsburg für zwei Jahre. Unterstützt durch den ihm wohlgesonnenen Kaiser wird er rehabilitiert, erhält sein Vermögen zurück und darf weiter fremde Stoffe veredeln. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme geht die 1792 an seine Söhne übergebene Firma in den Napoleonischen Kriegen in Konkurs. Absatzmärkte in Frankreich, Italien, Österreich, England und in Übersee brechen weg. 1802 übernimmt er erneut die Leitung, kann aber den Niedergang des Unternehmens nicht aufhalten, so dass er 1808 den Betrieb einstellt. Johann Heinrich Edler von Schüle stirbt 1811.

Johann Michael Frey, Schüle'sche Kattunfabrik, Umrissradierung, koloriert, um 1810

Die ehemalige Kattun- oder „Zitz“-Fabrik von Johann Heinrich Schüle lag am Beginn der heutigen Friedberger Straße am Stadtgraben nahe dem Roten Tor. Der Bau existiert in Teilen noch heute und ist Sitz der Hochschule Augsburg. Das schlossartige Gebäude wurde hufeisenförmig auf einem Gartengelände außerhalb der Stadtmauer errichtet. Die Familie lebte in den repräsentativen Räumen im Kopfbau im Osten, während die Modelldrucker, Kupferstecher und Maler in den Flügeln arbeiteten, wo die Werkstätten untergebracht waren.  

Die Schüle'sche Kattunfabrik heute

Der erhaltene Teil der ehemaligen Schüle’schen Kattunfabrik, als Wohn- und Fabrikanlage 1770 bis 1772 nach der Erhebung Schüles in den Adelsstand vor den Toren der Stadt erbaut, ist heute Sitz der Verwaltung der Hochschule Augsburg. Teile des Gitters vom Ehrenhof sind heute noch am Hofgarten Augsburg zu bewundern.

GRAFISCHES KABINETT
Maximilianstraße 48
D–86150 Augsburg
T +49 821 324 41 02

Impressum:
Stadt Augsburg
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Direktor: Dr. Christof Trepesch
Strategische Kommunikation: Monika Harrer-Jalsovec M.A.
Kurator der Ausstellung: Dr. Christoph Nicht
Website: Waldmann & Weinold, Kommunikationsdesign

Bildnachweis: © Kunstsammlungen und Museen Augsburg