Mode begleitet den Menschen durch sein Leben. Als „zweite Haut" dient ihm die Kleidung nicht nur als Schutz, sondern auch als Schmuck. Für besondere Anlässe wurde daher immer schon zu einer speziellen Garderobe gegriffen – ob zu religiösen Festen, gesellschaftlichen Events oder im Berufsleben. Über Jahrhunderte bestimmten festgelegte Kleiderordnungen, wie man sich anzuziehen hatte.

Materialien, Schnitte, Farben, Dekore und Accessoires wurden dem Anlass und Stand entsprechend vorgegeben – mitunter sogar per Gesetz. Der Bruch mit diesen Dresscodes war noch bis in die 1960er Jahre so gut wie unmöglich und konnte gesellschaftliche Sanktionen nach sich ziehen. Aufstände, Revolutionen und Kriege veränderten die strengen Vorgaben der Kleidervorschriften. So stellten beispielsweise die Französische Revolution von 1789 und die Studentenrevolte von 1968 vormalige Konventionen infrage und definierten Kleidung neu.

Manch ein Anlass kam dadurch „aus der Mode". Auch wenn heute die individuelle Einstellung zur Mode eine größere Rolle bei der Kleiderwahl spielt, wird die Frage nach einem angemessenen Outfit immer noch viel diskutiert. Over- oder underdressed? Sittlich-moralische, geschlechtliche und soziale Codes haben nach wie vor Einfluss auf unsere Kleidung – mal mehr, mal weniger bewusst.

Auch der Bruch mit modischen Normen wird dabei zum Statement. Anhand von Damen-, Herren-, Kinder- und Puppenkleidung aus vier Jahrhunderten geht die Ausstellung diesen Entwicklungen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach, beginnend mit der Zeit der Erbauung des Schaezlerpalais mit seinem bekannten Rokoko-Festsaal um 1770.

Die Exponate stammen aus einer umfangreichen Privatsammlung und werden durch Objekte aus dem Bestand der Kunstsammlungen & Museen Augsburg ergänzt.

Rokoko- &
Empire-Mode

Die Kultur des Rokoko hatte ihren Ursprung im Frankreich des 18. Jahrhundert. Die extravagante höfische Damenmode jener Zeit prägt bis heute unsere Vorstellungen dieser Epoche. Ein Rokoko-Damengewand bestand in der Regel aus einem Überkleid („Manteau“), einem Rock und einem dreieckigen Stecker, der die vordere Öffnung des Kleides verschloss. Darunter formten ein Korsett und ein ovaler Reifrock die zeit­typische Körpersilhouette. Bis zur Französischen Revolution im Jahr 1789 waren dies die Grundelemente weiblicher Bekleidung.

Im Zuge der Französischen Revolution brachen etablierte soziale Hierarchien zusammen. Diese Entwicklung führte auch zu einem dramatischen Wandel in der Damenmode. Anstelle der mit Korsett und Reifrock modellierten Rokoko-Silhouette trat das sogenannte Chemisenkleid. Es zeichnete sich durch eine klare, gerade herabfallende Form mit einer hohen Taille aus; Mieder und Rock waren in einem Stück geschneidert.

Anlassmode
für Kinder

Im 18. Jahrhundert galten Kinder als kleine Erwach­sene. Ihre Kleidung war modisch am Vorbild der El­tern orientiert. Sie verfolgte aber auch pädagogische Zwecke: Dem strengen Erziehungsideal der Zeit entsprechend sollte sie die Heranwachsenden körperlich und geistig formen. Ein Ausleben des Spieltriebs war darin undenkbar – nicht zuletzt durch das enge Mieder, das Jungen wie Mädchen höherer Schichten bereits im Kleinkindalter tragen mussten.

Eine veränderte Wahrnehmung der Kindheit kündigte sich zwar bereits unter den Aufklärern John Locke (1632–1704) und Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) an. Doch erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wirkten sich diese Ansätze, einhergehend mit der Reform­bewegung der Mode, auf die Kinderkleidung aus.

Babykleidung:
Die Taufe

Babykleidung muss nicht nur funktional sein. In ihr kommen auch Freude und Wertschätzung des neuen Lebens zum Ausdruck. Sie ist Schutz und Schmuck zugleich. An einigen Kleidungsstücken, wie den kost­baren Taufhäubchen wird dies besonders deutlich.

Kurz nach der Geburt stellt die Taufe im christlichen Kulturkreis ein wichtiges Fest zur Aufnahme des Kindes in die christliche Gemeinschaft dar. Der Kleidung wird zu diesem Anlass besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Aufwendig bestickte Taufkleider mit wertvollem Spitzenbesatz waren über Jahrhunderte fester Bestandteil dieser Zeremonie. In ihrer Farbgebung folgt die Taufkleidung auch heute noch der frühmittelalterlichen Tradition der „alba vestis“, des weißen Hemds, das der Täufling nach dem Reinwaschungs­ritual anlegte. Seit den 1970er-Jahren wird den Babys zur Taufe aber auch modische Festtagskleidung angezogen.

Die Spielpuppe
im 19. Jahrhundert

Durch die Reformen der Kindererziehung gewann die Spielpuppe ab Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung und wurde zum geliebten Begleiter in den ersten Lebensjahren. Zunächst als kostspieliges Miniaturabbild von Erwachsenen gestaltet, wurden um 1850/60 auch erste Puppen in Form von Babys und Kleinkindern hergestellt. Kleine Mädchen wurden dadurch auf ihre zukünftige Rolle als Mutter und Hausfrau vorbereitet.

Beim Spiel mit der Puppe entstanden häufig komplette Ausstattungen an Kleidern und modischem Zubehör. In den Mehrgenerationenhaushalten der dama­ligen Zeit waren sie nicht selten ein Gemeinschafts­erzeugnis von Großeltern, Eltern und Kindern. Im Zuge der Industrialisierung entwickelten sich hauptsächlich in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert kleine Fabriken, die Puppen in größeren Mengen als preiswerte Serienprodukte herstellten.

Ganz in Weiß…?

Weiße Kleider gehörten nicht immer zur Ausstattung einer Braut. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden zur Hochzeit in erster Linie Festkleider in den herrschenden Modefarben und -formen getragen. Ein besonderes Kleid für den „schönsten Tag im Leben“ konnten sich nur vermögende Familien leisten.

Auch das weiße Brautkleid entwickelte sich zunächst aus einer Mode heraus. Mit den Chemisenkleidern der Empire-Zeit etablierte sich Weiß als Farbe moralischer und religiöser Reinheit. Dennoch trugen viele Bräute der Mittel- und Unterschicht von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts schwarze Brautkleider mit weißem Schleier. Diese Allroundkleider fanden auch nach der Vermählung zu festlichen Anlässen Verwendung. Seit den 1970er-Jahren sind auch farbige Brautkleider gesellschaftlich wieder akzeptabel. Sogar Jeans und Alltagskleidung werden zunehmend zur Trauung getragen.

Etwas Altes,
etwas Neues…

Die traditionelle Hochzeitskleidung ist nicht nur festlich. Sie hat auch eine symbolische Funktion, in der sich jahrhundertealte Rituale widerspiegeln. Der wohl bekannteste Brauch, der sich in der Mode niederschlägt, ist die Beigabe von alten, neuen, blauen und geliehenen Accessoires. Diese Tradition geht auf das viktorianische England des 19. Jahrhunderts zurück. Sie symbolisiert den Schritt vom alten zum neuen Lebensabschnitt und gibt der Braut segensreiche Wünsche mit auf den Weg. So soll das Geliehene das eheliche Glück einer Freundin auf die Braut über­tragen. Ein blaues Strumpfband steht für die Treue.

Die Sitte des Schuh-Pfennigs findet sich auch in einem anderen Brauch wieder. Bis heute ist es üblich, die Brautschuhe mit ersparten Cents zu bezahlen – ein Zeichen für die Sparsamkeit der zukünftigen Ehefrau.

Ball- & Festmode

Im 19. Jahrhundert wurde die festliche Abendkleidung noch unterschieden in Gesellschafts-, Ball- und große Ballkleidung, die in Material, Dekor und Schleppenlänge den jeweiligen Anlässen entsprachen. Zur Ballausstattung einer vornehmen Dame gehörten eine Ballrobe mit Schleppenrock und weitem Dekolleté, ein Fächer, um sich nach dem Tanz kühlende Luft zuzu­fächeln, und eine Tanzkarte, in die sich die Herren als Tanzpartner eintragen konnten.

Die strenge Etikette forderte nicht nur einen festgelegten Dresscode, sondern auch gewisse Be­nim­m­regeln – schließlich war ein Ball auch eine bevorzugte Gelegenheit, einen wohlerzogenen, standesgemäßen Ehepartner zu finden.

Die Ursprünge
der Ballkultur

Die Ballkultur entstammt der höfischen Kultur. Vorbild war der Hof Ludwigs XIV., der Bälle zu Hochzeiten, Geburtstagen oder politischen Feierlichkeiten ausrichten ließ. Programm, Tanz und Kleiderwahl folgten dabei einem strengen Protokoll, das von einem Tanzmeister überwacht wurde. In Form des Maskenballs öffneten sich die höfischen Tanzveranstaltungen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch bürgerlichen Kreisen.

Mindestens so wichtig wie das Tanzen war der große Auftritt. Das galt für die höfischen Bälle des 18. Jahrhunderts und gilt auch für die Bälle der Berufsverbände in der heutigen Zeit. Bälle bieten nach wie vor ein repräsentatives Parkett für politische, wirtschaftliche und private Interessen und Kontakte – wie z. B. der Berliner Presseball oder der Wiener Opernball. Eine angemessene Garderobe aus bodenlangem Kleid und Smoking zählt daher zum guten Ton.

Ein Tag im Leben
einer Dame  

Der Tagesablauf einer Dame der späten 1870er- bis 1880er-Jahre führt die Verpflichtungen einer wohlhabenden Frau vor Augen – und die verschiedenen Kleider, die dazu gehören: Am Vormittag trug sie bevorzugt ein bequemes Hauskleid aus Baumwolle oder dünnem Wollgewebe. Um die Mittagszeit ersetzte die Dame das Hauskleid durch ein Besuchskleid aus bedruckter Baumwolle, Wolle oder schlichter Seide. Wenn sie am Nachmittag im Promenadenkleid das Haus verließ, hüllte sich die

Dame bevorzugt in hochwertige Seide mit Besätzen aus Zierborten und dezentem Spitzendekor. Für eine abendliche Einladung schmückte sich die Dame mit einer seidenen Gesellschaftsrobe mit weiterem Halsausschnitt und wertvollen Spitzenbesätzen. Für große Bälle und Tanzveranstaltungen verlangte die Etikette ausgeschnittene Dekolletés, kurze Ärmel, Röcke mit Schleppen und kostbare Seidenstoffe. Die Taille wurde bei diesen Ballroben besonders stark geschnürt.

Red Carpet:
Mode im Fokus

Steht eine Person im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, wird auf die Wahl ihrer Kleidung beson­deres Augenmerk gelegt. Hielten einst Kaiser und Könige das modische Zepter in der Hand, spielen heute Medienstars und -sternchen eine übergeordnete Rolle als Styling und Fashion-Vorbilder. Eine bedeutende Plattform für ausgefallene, mutige und neue Mode­entwürfe ist der Rote Teppich. Nirgends sonst werden Mode, Geschmack, Trends und Stil so offen diskutiert wie hier. Dabei gehen Modelabels gerne eine Kooperation mit bekannten Persönlichkeiten ein, um ihre neuesten Ideen einem breiten Publikum zu präsen­tieren. Diese Symbiose gilt als eine der wichtigsten Werbeflächen in der Modebranche und wird vielfältig genutzt.

Fotografiert, gepostet, geliked und geteilt verbreitet sich eine neue Mode so innerhalb kürzester Zeit über den gesamten Globus. Was noch vor Jahren mehrere Tage oder Wochen gedauert hat, kann nun innerhalb von wenigen Stunden geschehen.

SCHAEZLERPALAIS
Maximilianstraße 46
D-86150 Augsburg
T +49 821 324 41 02

ÖFFNUNGSZEITEN
Di–So 10–17 Uhr

Impressum:
www.augsburg.de
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Direktor: Dr. Christof Trepesch
Strategische Kommunikation: Monika Harrer-Jalsovec M.A.

Projektleitung: Julia Quandt M.A.
Wissenschaftliche Mitarbeit: Nicole Hofmann M.A.

Design: waldmann-weinold.de
Technische Umsetzung: mpunkt GmbH

Bildnachweis:
falls nicht anders angegeben: © Sammlung Ralf Schmitt