Noch bis 01.08.2021
Di, Mi, Fr, Sa, So 10–17 Uhr, Abendöffnung: Do 10–20 Uhr

Mode, Mode, Mode:
Standesbewusstsein und Statement

Mode begleitet den Menschen durch sein Leben. Als „zweite Haut" dient ihm die Kleidung nicht nur als Schutz, sondern auch als Schmuck. Für besondere Anlässe wurde daher immer schon zu einer speziellen Garderobe gegriffen – ob zu religiösen Festen, gesellschaftlichen Events oder im Berufsleben. Über Jahrhunderte bestimmten festgelegte Kleiderordnungen, wie man sich anzuziehen hatte. Materialien, Schnitte, Farben, Dekore und Accessoires wurden dem Anlass und Stand entsprechend vorgegeben – mitunter sogar per Gesetz. 

Auch wenn heute die individuelle Einstellung zur Mode eine größere Rolle bei der Kleiderwahl spielt, wird die Frage nach einem angemessenen Outfit immer noch viel diskutiert. Sittlich-moralische, geschlechtliche und soziale Codes haben nach wie vor Einfluss auf unsere Kleidung – mal mehr, mal weniger bewusst.

Kein Traum in Weiß - das war in der Konsequenz für manche Hochzeit das traumatische Ergebnis dieser sozialen Codes. Zum Beispiel in den 50er Jahren für die Eltern unseres Sammlers Ralf Schmitt. Sehen Sie selbst, was er zu diesem schwarzen Seidenkostüm zu berichten hat:

Die Porträts zur Präsentation:
Modegeschmack und Frauenbild

Anhand von Damen-, Herren-, Kinder- und Puppenkleidung aus vier Jahrhunderten geht die Ausstellung Entwicklungen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach, beginnend mit der Zeit der Erbauung des Schaezlerpalais mit seinem bekannten Rokoko-Festsaal um 1770. 

Der Großteil der Kleidung stammt aus der Privatsammlung des Trierer Modedesigners Ralf Schmitt. Ergänzt wird die Ausstellung durch Gemälde aus dem Bestand der Kunstsammlungen & Museen Augsburg. Zu sehen sind 19 Porträts aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert, die zum Teil noch nie ausgestellt waren. Sie treten in Dialog mit den Kleidungsstücken und veranschaulichen den Modegeschmack der jeweiligen Zeit sowie das damals vorherrschende Frauenbild.

Ausgesucht hat die Porträts, welche die Präsentation der Kleidung so passend ergänzen, unsere Kuratorin Julia Quandt. Neben neuen Entdeckungen wird so mancher Besuchende darunter auch bekannte Gesichter finden. Sehen Sie selbst:

links:
George Desmarées (1697–1776)
Porträt Maria Elisabeth von Lippert
Öl auf Leinwand, um 1770
Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg

rechts:
Alexander Kanoldt (1881–1939)
Irmgard Trommsdorff (Schwägerin des Künstlers)
Öl auf Leinwand, 1927
Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Andreas Brücklmair

links:
Porträt Maria Josepha Victoria Magdalena Obwexer, geb. Pogliese

rechts: 
Porträt Peter Paul Obwexer

beide: Franz Joseph Degle (1724–1812)
Öl auf Leinwand, 1777
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg

Die ursprünglich aus Klausen in Südtirol stammende Familie Obwexer gehörte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den wichtigsten katholischen Kaufmanns- und Bankiersfamilien in Augsburg. Ihre Porträts sind bemerkenswerte zeit- und mode­geschichtliche Dokumente. Porträtpaare wie das ausgestellte wurden häufig anlässlich von Eheschließungen oder anderen Er­eignissen in Auftrag gegeben.

Gestern und heute:
Ein Tag im Leben einer Dame

Der Tagesablauf einer wohlhabenden Dame der späten 1870er bis 1880er Jahre war geprägt von ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen. Da die Etikette zu jedem Anlass die korrekte Garderobe verlangte, konnte es durchaus vorkommen, dass sie ihre Kleidung an einem einzigen Tag bis zu fünf Mal wechseln musste. 

Albert von Keller (1844–1920)
Dame mit Fächer und Pelzboa
Öl auf Leinwand, um 1880/82
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Andreas Brücklmair

Am Vormittag trug sie bevorzugt ein bequemes, körperumspielendes Hauskleid aus leichten Stoffen. Wurde am Mittag Besuch empfangen, griff die wohlerzogene Dame zu einem Besuchskleid aus bedruckter Baumwolle, Wolle oder schlichter Seide, unter dem die Taille bereits etwas enger geschnürt wurde. Für den nachmittäglichen Spaziergang wurde das Promenadenkleid getragen, das meist aus hochwertiger Seide bestand und mit Zierelementen wie Spitze oder Borte dekoriert war. Dazu trug sie eine passende Kopfbedeckung und Handschuhe. 

Große Gesellschaftsrobe mit Schleppe, um 1879/80
Markierung im Taillenband: A. A. Berry, 240 West 46th Street, New York
Seidenatlas, Seidensamt, Valenciennes-Spitze; Futter: Baumwoll-Chintz

Für eine abendliche Veranstaltung schmückte sich die Dame mit einer seidenen Gesellschaftsrobe mit weitem Halsausschnitt und wertvollen Spitzenbesätzen. Vor allem bei großen Tanzveranstaltungen und Bällen hatte die Dame des 19. Jahrhunderts durch ihre Robe zu glänzen. So forderte das Protokoll ein an der Taille eng geschnürtes Kleid aus kostbarem Seidenstoff, dessen Rock in einer Schleppe endete, kurze Ärmel und ein weit ausgeschnittenes Dekolleté. 

Die Frau von heute hat es da wesentlich einfacher: Ein Outfit für viele Gelegenheiten begleitet sie durch den ganzen Tag. Paula Forster, Modedesign-Studentin und Assistentin von Ralf Schmitt, hat sich dazu ihre Gedanken gemacht und die passende Kleidung entworfen. Aber machen Sie sich selbst ein Bild:

Darf ich bitten:
Der große Auftritt beim Ball

Mindestens so wichtig wie das Tanzen war der große Auftritt. Dies galt für die Bälle des 18. und 19. Jahrhunderts, genauso wie für die Bälle der heutigen Zeit. So manche(r) mag da sofort an die Sissi-Filme denken. Tatsächlich ist der Ball in der höfischen Kultur entstanden. Vor allem der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. prägte die Ballkultur. In Form von Maskenbällen öffneten sich die höfischen Tanzveranstaltungen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch für bürgerliche Kreise. Beispielhaft ist hierfür das Märchen vom Aschenputtel.

links: Große Ballrobe, um 1860/62
Seidentaft, Seidentüll, Seidengaze, Wachsperlen; Futter: Baumwoll-Chintz

Nach Angabe der Vorbesitzer wurde dieses Kleid von der Tochter eines Notars anlässlich eines Hofballs in den Tuilerien in Paris getragen. Ursprünglich gehörte wohl noch eine separate Hofschleppe dazu, die aber nicht mehr existiert.

rechts: Philipp Veit (1793–1877), zugeschrieben
Musikstunde
Öl auf Leinwand, um 1840/45
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Andreas Brücklmair

Im 19. Jahrhundert wurde die festliche Abendgarderobe noch unterschieden in Gesellschafts-, Ball- und große Ballkleidung, die in Material, Dekor und Schleppenlänge dem jeweiligen Anlass entsprachen. Zur Ballausstattung einer vornehmen Dame gehörten eine Ballrobe mit Schleppenrock und weitem Dekollté, ein Fächer, um sich nach dem Tanz kühlende Luft zuzufächeln, und eine Tanzkarte, in die sich die Herren als Tanzpartner eintragen konnten. Neben dem festgelegten Dresscode verlangten die Etikette aber auch die Einhaltung von strengen Benimmregeln – schließlich war ein Ball auch eine bevorzugte Gelegenheit, einen wohlerzogenen, standesgemäßen Ehepartner zu finden.

Abendkleid von Vivienne Westwood, London, um 1998/99
Special Gold Label Couture, getragen und aus dem Besitz von Jerry Hall
Seidenatlas, Seidentaft changierend; Futter: Kunstseidentaft
Foto: © Tony Barson Archive / WireImage / Getty Images

Bälle sind nach wie vor ein repräsentatives Parkett für politische, wirtschaftliche und private Interessen und Kontakte – eine angemessene Garderobe wie ein Smoking und ein bodenlanges Kleid gehören daher zum guten Ton.

Cocktailkleid von Heinz Oestergaard, Berlin, um 1954/55 Seidenorganza mit Pailletten und Bastfäden

Nicht nur in Weiß:
Der schönste Tag im Leben

Das klassische weiße Kleid gehörte nicht immer zur Ausstattung einer Braut. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden üblicherweise Festkleider in den damals modernen Farben und Schnitten getragen. Ein besonderes Kleid für den „schönsten Tag im Leben“, galt als Zeichen großen Wohlstandes, denn das konnten sich nur wohlhabende Familien leisten. 

links: Komplette Ausstattung eines Brautpaares, 1898:
Zweiteiliges Brautkleid mit Schuhen, Strümpfen, Tasche und Taschentuch und
dreiteiliger Herrenanzug (Jacke, Hose und Weste) mit Hemd und Fliege
Kleid: Seide („Papiertaft“), Seidengaze, Seidenband; Futter: Baumwolle,
Anzug: feines Wolltuch; Futter: Baumwolle, Seide;
Hemd: Baumwoll-Leinen-Mischgewebe;
Fliege: Baumwoll-Piqué

Solche kompletten Ensembles, die 120 Jahre überstanden haben, sind äußerst selten zu finden.

rechts: Brautpaar aus dem Jahr 1898, Fotografie

Das weiße Brautkleid entwickelte sich zunächst aus den Chemisenkleidern der Empire-Zeit, durch die sich die Farbe Weiß als Symbol für moralische und religiöse Reinheit etablierte. Dennoch trugen viele Bräute der Mittel- und Unterschicht von Mitte des 19. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts schwarze Brautkleider mit weißem Schleier. Diese Allroundkleider wurden auch noch nach der Vermählung zu festlichen Anlässen getragen. 

Manches Brautkleid hat seine ganz eigene Geschichte. Eine ganz besondere Anekdote weiß Ralf Schmitt über dieses Kleid zu erzählen. Sozusagen eine Geschichte zum Upcycling in der Nachkriegszeit:

Seit den 1970er Jahren sind farbige Brautkleider wieder gesellschaftlich akzeptabel. Im 21. Jahrhundert werden teilweise sogar Jeans und Alltagskleidung zur Trauung getragen.

Kindermode damals:
Formung von Körper und Geist

Obwohl sich in der heutigen Kinderkleidung Geschmack und Interesse der Eltern widerspiegelt, liegt ihr Hauptaugenmerk auf Bequemlichkeit und Funktionalität. Noch im 18. Jahrhundert aber galten Kinder als kleine Erwachsene, weshalb ihre Kleidung modisch am Vorbild der Eltern orientiert war. Zusätzlich verfolgten sie pädagogische Ziele: Dem strengen Erziehungsideal der Zeit entsprechend sollte sie die Heranwachsenden körperlich und geistig Formen. Ein Ausleben des Spieltriebs war darin undenkbar – nicht zuletzt wegen der engen Mieder die sowohl Mädchen als auch Jungen höherer Schichten schon im Kleinkindalter tragen mussten. 

Interessant auch: Kleine Jungs trugen damals auch Kleider! Weil es einfach praktischer war. Warum, das erzählt Sammler Ralf Schmitt:

links: Georg Anton Abraham Urlaub (1744–1786), zugeschrieben
Knabenporträt Johann Friedrich von Halder auf Mollenburg
Öl auf Leinwand, um 1780
Kunstsammlungen und Museen Augsburg

rechts: Kinder-Festkleid, um 1780/85
Gestreifte Seide, Seidenbänder, Silberknöpfe; Futter: Leinen

Kinderkleidung aus dem 18. Jahrhundert und früher ist extrem selten. Es sind weltweit nur wenige erhaltene Exemplare bekannt. Auf der Rückseite des Kleides befindet sich eine Schlaufe, an der das sogenannte „Gängelband“ befestigt wurde.

Vom Rokoko-Ball bis zum RedCarpet-Event:
Impressionen aus der Ausstellung

SCHAEZLERPALAIS
Maximilianstraße 46
D-86150 Augsburg
T +49 821 324 41 02

ÖFFNUNGSZEITEN
Di–So 10–17 Uhr

NEU: ABENDÖFFNUNG
Do-Sa 10-20 Uhr; So 10-18 Uhr

Von Ballroom bis Red Carpet - an Eleganz wird auch in der Ausstellung nicht gespart.
Herzlichen Dank an die Stadtsparkasse Augsburg für ihre Unterstützung!

Die Ausstellung war 2020 zunächst im Stadtmuseum Simeonstift in Trier zu sehen und wandert nach der Präsentation in Augsburg nach Schloß Wernigerode, Zentrum für Kunst und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Impressum:
www.augsburg.de
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Direktor: Dr. Christof Trepesch
Strategische Kommunikation: Monika Harrer-Jalsovec M.A.
Kuratorin: Julia Quandt M.A.
Website und Videos: Waldmann & Weinold, Kommunikationsdesign
Bildnachweis: falls nicht anders angegeben: © Sammlung Ralf Schmitt