Stiften gehen! –
Eine Ausstellung entwickelt sich

2021 feiert die älteste erhaltene Wohnsiedlung der Welt, die Augsburger Fuggerei, ihr 500-jähriges Bestehen. Anlässlich des Stiftungs-Jubiläums hat der Augsburger Stadtrat die Kunstsammlungen & Museen beauftragt, eine Sonderausstellung zu entwickeln. „Stiften gehen! Wie man aus der Not eine Tugend macht“ startet am 28. August 2021 im Maximilianmuseum.

Obwohl diese Epoche von unserer Corona-Zeit weit weg scheint, zeigen sich bei genauem Hinsehen erstaunliche Parallelen: Auch damals waren die Menschen Klimawandel, Seuchen und einem unaufhaltsamen Wertewandel ausgesetzt. Wie man damals auf diese Krisen reagiert hat, was Stiftungen damit zu tun haben und welche urmenschlichen Phänomene uns mit der Zeit der Fuggerei verbinden, möchte die Ausstellung erlebbar machen.

Das Besondere daran: Elemente der Ausstellung entstehen zusammen mit Akteuren der Stadtgesellschaft sowie lokalen Kunstschaffenden. 

Auf dieser Seite können Sie miterleben, wie sich die Ausstellung bis zur Eröffnung gemeinschaftlich entwickelt. Wir nehmen Sie mit, Schritt für Schritt – auch hinter die Kulissen unseres Museums.

Eine Ausstellung
aus Papier

Ein erster Entwurf zum Aufbau

Aus dem Depot

Restaurator Klaus Wiedenbauer säubert die Hungersemmeln von 1817, die im Depot etwas Staub angesetzt hatten.
Solche "Hungerbrote" wurden in Krisenzeiten gebacken. War das Getreide knapp, wurde die Größe der Backwaren verringert. Besonders "lecker": Das Mehl wurde häufig gestreckt - zum Beispiel mit Holz- oder Strohfasern. 

Unsere historischen Hungersemmeln aus dem Bestand des Maximilianmuseums stammen aus Regensburg. Gebacken wurden sie im Jahr 1817. Möglicherweise entstanden sie in Folge der Hungersnot 1816, das als "Jahr ohne Sommer" aufgrund eines gewaltigen Vulkanausbruchs in Indonesien in die Geschichte einging.


Unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Christina von Berlin untersucht und dokumentiert aus dem Depot ausgewählte Objekte genau, bevor sie präsentiert werden. Bei diesen wertvollen Exponaten handelt es sich um ein Kirchen-Modell, eine Marienskulptur und historische Augsburger Korn-Maße.


Objekte mit AHA-Effekt

„Ganz schön was auf dem Kerbholz haben.“ – In unserer Sonderausstellung gibt es einige echte Kerbhölzer zu sehen. Sie zeigen, dass die Redensart bis ins 18. Jahrhundert wörtlich zu nehmen war. 

Kerbhölzer waren längliche Bretter oder Stöcke. Wenn Geld verliehen wurde, ritzte man auf ihnen Kerben ein, die die jeweilige Summe symbolisierten. Danach wurde das Hölzchen längs gespalten, Schuldner und Gläubiger bekamen jeweils eine Hälfte. Beim späteren Zusammenlegen konnte so nachvollzogen werden, ob eine Hälfte manipuliert worden war – und man hatte immer den Überblick über die aktuellen Schuldenverhältnisse.

Die gezeigten Kerbhölzer stammen aus einer beeindruckenden Sammlung aus Wertheim. Sie sind jedoch nicht nur spannende Exponate, darüber hinaus sind sie seltene kulturhistorische Forschungsobjekte, die uns Details über die Schulden- und Bezahlpraxis in der Frühen Neuzeit erzählen können. 
 

Landesarchiv Baden-Württemberg – Staatsarchiv Wertheim, A-91 Nr. 13/74 /96

Projektkooperationen

Leben im Jahr 1521

Eine Graphic Novel – finanziert von der Hatelma Stiftung in der HAUS DER STIFTER
Stiftergemeinschaft der Stadtsparkasse Augsburg

Es geht um Jakob, der in Augsburg eine Lehre antreten will, und die Ordensfrau Katharina, die sich mit neuen Glaubensfragen und der Pest konfrontiert sieht. Sie sind die Hauptfiguren einer Graphic Novel, die den Alltag 1521 lebendig werden lässt. Es ist ein Experiment: Kann man wissenschaftliche Erkenntnisse zum Leben und Arbeiten in der „Fuggerzeit“ unterhaltsam ins Bild bringen? Wann begann man zu arbeiten? Was bedeutete es, Bürger einer Freien Reichsstadt zu sein? Wie ist ein Tag strukturiert?

Der Zeichner Paul Rietzl, die beiden Historiker Florian Dorn und Florian Dörschel, die Ordensschwester Hannah Rita Laue OP, sowie unsere Kuratorin Heidrun Lange-Krach, erarbeiten gemeinsam mit den Studierenden Christoph Hauptmann und Corinna Dewor fiktive Geschichte über das Leben in der Reichsstadt, für die Text- und Bildquellen recherchiert und entdeckt werden.

links: Entwurf der Charaktere Hans und Jakob von Paul Rietzl
rechts: Charakterdesigns der Familie Jakobs von Paul Rietzl

Eine Seite aus der Graphic Novel, gezeichnet von Paul Rietzl

Die Ausstellung hören

bluespots productions und das Theter Ensemble, zwei bekannte Größen der Augsburger Kulturszene, haben sich jeweils drei Themenfelder vorgenommen, die in der Ausstellung schließlich als Hörobjekte inszeniert werden sollen.  

bluespots productions beschäftigt sich mit den traurigen Schicksalen der „Lost Children“, den Findelkindern. Zudem illustrieren die Mitwirkenden das Wirken eines Predigers und setzen sich mit der Frage auseinander, ob auch gesellschaftliche Aufstände zu Stiftungen motiviert haben. Letzteres Thema untersuchen unterstützend auch Studentinnen der Universität Augsburg.

Das Theter Ensemble vertont die überlieferten Rezepte der Familie Schwarz, um die Versorgung in Krisenzeiten zu veranschaulichen. Vorgenommen hat sich das Ensemble auch den Bericht eines Blatterarztes von 1569, dessen Erlebnisse die Konsequenzen von Krisenzeiten verdeutlichen. Auch die Vorbildfunktion der städtischen Armenfürsorge in ihrer Struktur, macht das Theter Ensemble in einem Feature erlebbar. 

bluespots productions: Tontechniker mit Aufnahmeleiterin Lisa Bühler: Die typische 2-Minuten-Lüfte-Pause. Lisa Bühler in ihrer Funktion als "Fenster". Foto: Kristina Beck
bluespots productions: Tontechniker mit Aufnahmeleiterin Lisa Bühler: Die typische 2-Minuten-Lüfte-Pause. Lisa Bühler in ihrer Funktion als "Fenster". Foto: Kristina Beck
bluespots Productions: Anja Neukamm alias Clara Hätzerlin bei der Aufnahme: Schreiben einer Haushaltsliste mit echter Vogelfeder. Foto: Kristina Beck

Geschichte
greifbar machen

Ein Projektseminar der Universität Augsburg

Geschichte – über Exponate in Vitrinen hinaus – „greifbar“ machen. Diese Idee verfolgten Studierende eines Projektseminars des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Augsburg. In Kleingruppen und im steten Austausch mit Dr. Heidrun Lange- Krach, Kuratorin der Ausstellung, erarbeiten die Studierenden praxisnah, wie das Leben breiter Bevölkerungsschichten im Augsburg des 15. und 16. Jahrhundert einem vielfältigen Publikum nähergebracht werden kann.

Als Ergebnis der vier Projekte entsteht ein Stadtrundgang, ein Audioguide für Kinder, ein Audioguide in einfacher Sprache und eine Hörstation zu sozialen Spannungen in der Fuggerzeit:

  • Was ist denn ein Bisamapfel? – Mit ihren Audioguide-„Begleitern“ Jakob und Ursula erkunden Kinder in der Ausstellung das Augsburg des 16. Jahrhunderts. Spielerisch lernen sie verschiedene Aspekte des Alltags kennen und kommen dabei auch mit den Themen Armut und Stiftungen in Berührung.
     
  • Ein Stadtrundgang bietet allen Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, auf einer längeren (45 Min.) oder kürzeren (20 Min.) Tour Stiftungen aus mehreren Jahrhunderten, die rund um das Maximilianmuseum heute noch das Stadtbild prägen, kennenzulernen und ihre Entstehungskontexte zu erkunden.
     
  • Für alle, die einen besonders lebensnahen, ‚fassbaren‘ Zugang suchen, wird ein Audioguide-Rundgang in einfacher Sprache mit 10 Stationen entwickelt. Der Rundgang bietet Objekte zum Anfassen ebenso wie die anschauliche Erläuterung abstrakter Konzepte anhand von Ausstellungsobjekten.
     
  • Eine Hörstation, umgesetzt in Kooperation mit dem Ensemble Bluespots Productions, beschäftigt sich in dialogischer Aufbereitung mit städtischen Unruhen und der Bedeutung von Stiftungen für den sozialen Frieden. Exemplarisch wird der Schillingaufstand im Jahr 1524 thematisiert. 
     

Gesungene Erinnerung

Per-Sonat, AUXantiqua und Sophie Te

Wie klang Augsburg anno 1521? Dieser Frage widmeten sich Sabine Lutzenberger vom Musikensemble Per-Sonat, Stefan Steinemann, Leiter der Domsingknaben, und die beiden Musikwissenschaftler Prof. Dr. Franz Körndle (Augsburg) und Dr. Moritz Kelber (Basel). Gemeinsam mit Kuratorin Dr. Heidrun Lange-Krach entwickelten sie ein Konzept für eine musikalische Stiftungsreise. Denn Musik in der Fuggerzeit war meist gestiftet. Es entsteht ein Rundgang von etwa 30 Minuten, der knapp 200 Jahre Augsburger Musikgeschichte umfasst.
Durch die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, können die Augsburger Domsingknaben leider nicht an dem Projekt teilnehmen. Als Ersatz konnte Stefan Steinemann glücklicherweise sein Musikensemble AUXantiqua gewinnen. 

1570 ist in die Weltgeschichte als Krisenjahr eingegangen. Mitten in Augsburg hat der Maler Barnabas Holzmann in einem Gedicht über Monate hinweg festgehalten, was um ihn herum geschah. 70 Seiten lang sind seine Verse zur Hungersnot in Augsburg – immer in der Hoffnung, wenn er die nächsten 1.000 Zeilen geschrieben habe, sei die Krise überstanden. Damit dieses Gedicht seine Seele behält, wird die Augsburger Künstlerin Sophie Te Holzmanns Verse in einem Rap zusammenfassen – denn Rap kommt Holzmanns Sprachstruktur und Metrik am nächsten.

Sophie Te bei der Aufnahme des Krisenraps © Foto: Sophie Te

Kulturelle Teilhabe durch Sprache

Das Künstlerkollektiv Colligatio

Was ist ein Seelgerät? Was meint Almosen? Warum gab es 1521 in Augsburg sieben anerkannte Geschlechter? Kulturhistorische Ausstellungen verwenden oft Worte, die heute nicht mehr üblich sind oder eine ganz andere Bedeutung haben. Das Stiftungs-ABC zur Ausstellung wird diese Begriffe nicht nur erklären, sondern für unsere Besuchenden auch spielbar machen. Das Augsburger Künstlerkollektiv Colligatio hat sich bereits mit Feuereifer an die Umsetzung dieser Spielstation gemacht.

Um eine nachhaltige Installation zu schaffen, die auch in Zukunft in Ausstellungen verwendet werden kann, beteiligt sich das Augsburger Stiftungsamt an der Idee.

Ein erster Entwurf für eine Lichtbox des Künstlerkollektivs Colligatio

Das Künstlerkollektiv Colligatio, bestehend aus Lena Unverdorben, Max Kienle, Philomena Kienle, Victor Kosebach, Steven Zeitter, Julian Kern und Benno Meyer beim Bau der Installation „Das Stiftungs-ABC“.
Fotos: Eda Zeh

Erleben mit
allen Sinnen

Der Behindertenbeirat der Stadt

2023 soll Bayern barrierefrei sein. Auch die Kunstsammlungen und Museen leisten dazu ihren Beitrag. Schon 2018 sind die Museen der Stadt Augsburg deshalb vom Behindertenbeirat besucht und beraten worden. Diese gute Zusammenarbeit wird jetzt weitergeführt, denn das barrierefreie Konzept der Ausstellung „Stiften gehen! Wie man aus Not eine Tugend macht“ wird gemeinsam partizipativ entwickelt. Der Behindertenbeirat der Stadt Augsburg hilft bei der Frage, wie die Ausstellung für alle Sinne interessant wird. Dabei werden kuratorische Fragen, aber auch bauliche und didaktische Maßnahmen besprochen. Gemeinsam mit Carola Scherzinger wird ein multisensorisches Modell entwickelt, das verschiedene Interaktionsebenen ermöglicht.  Ein Projekt, das nicht nur für die aktuelle Ausstellung zeigt, dass wir auch für künftige Projekte noch viel lernen können.

Prototyp des multisensorischen Modells im Maximilianmuseum


MAXIMILIANMUSEUM
Fuggerplatz 1
D-86150 Augsburg
T +49 821 324 41 67 (Kasse/Shop)

ÖFFNUNGSZEITEN
Di–So 10–17 Uhr

Impressum:
www.augsburg.de
Kunstsammlungen & Museen Augsburg
Direktor: Dr. Christof Trepesch
Strategische Kommunikation: Monika Harrer-Jalsovec M.A.
Maximilianmuseum: Dr. Christoph Emmendörffer (Leiter und Ausstellungskurator)
Kuratorin der Ausstellung: Dr. Heidrun Lange-Krach
Redaktion: Susanna Friedla M.A.
Bildnachweis: Kunstsammlungen & Museen Augsburg und wie angegeben.
Website: Waldmann & Weinold, Kommunikationsdesign